Wie geht beten?

Meine erste «Pfaffengriffel»-Kolumne erscheint im «Frutigländer» 2015:

Robert Lembke soll gesagt haben: «Während starker Turbulenzen sitzen im Flugzeug keine Atheisten.» Das heisst: Wer ernsthaft Schiss hat, betet, oder möchte gern; fragt sich nur wie. «Engelein komm und mach mich fromm, dass ich zu dir in den Himmel komm?» Passt schlecht bei Turbulenzen; im Himmel ist man ja schon und möchte lieber heil wieder runter.

Kindern hat man früher noch Gebetlein beigebracht. «Spiis Gott, tröscht Gott, alli warme Chind, wo uf Ärde sind,» durfte ich vor der dampfenden Suppe sprechen. Ich weiss gar nicht, ob heute Eltern ihre Kinder auch noch Gebete lehren? Bessere natürlich als früher? Ich weiss nur: in meiner Generation (Grossvaterstadium) gibt es unheimlich viele, die hilflos Achseln zucken, wenn es ans Beten gehen sollte, sie wissen schlicht nicht wie. Die Turbulenzen kommen meist unerwartet, aber sie kommen und dann wäre jeder froh, wenn er irgendwie beten könnte.

  • Du liegst auf einem Schragen und wartest auf die Op; Angst greift dir ans Herz.
  • Du sitzest am Bett eines bewusstlosen todkranken Freundes.
  • Du wälzest dich morgens um drei in den Kissen und unaufhörlich geht dir durch den Kopf, was alles schief gehen könnte oder was andere dir angetan haben.
  • Du bist 90 Jahre alt – was du gar nie werden wolltest – und musst im Heim Zeit herumbringen. Du könntest eigentlich beten: Für deine Lieben, für die Welt, fürs Personal, für alle, die nicht so viel Zeit haben wie du.

Da würde beten helfen, sogar wenn du nicht sicher wärst, ob überhaupt einer zuhört. Aber viele wissen einfach nicht wie. Wie beim Feuerlöscher; klar ist man froh, wenn man ihn nie braucht. Aber man sollte wenigstens wissen, wie’s geht.

Die meisten wissen, dass man zu Gott sprechen kann wie einem der Schnabel gewachsen ist, wie zu einem Freund. Das ist schon etwas; es gibt welche, die wissen nicht einmal das! Aber gerade Christen, die schon immer spontan und frei zu Gott gesprochen haben, finden es mit der Zeit recht öde, zwanzigmal pro Stunde zu sagen: «Herr, du weisst, es geht schlecht. Mach bitte, dass es wieder gut geht.» Man könnte immerhin das Unservater. Das wäre schon viel und passt überall. Es ist schliesslich das Meisterstück aller Gebete. Man sollte nur nicht vergessen, dass man’s hat.

Und sonst? Hier mein Geheimtipp: Klau ein Kirchengesangbuch! Such dir ein Lied von Paul Gerhardt. Lies es täglich laut vor dem Schlafen. Nach drei Monaten geht es auswendig wie von selbst, du hast dein persönliches Gebet und kannst gar nicht mehr schlafen ohne. Nun kannst du das Buch ja wieder zurück stellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Turbulenzen auftreten, ist ziemlich gross. Dann wirst du mir gewaltig dankbar sein für den Tipp.

Gern geschehen.

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