Neid, zu Markus 10,35-45

Predigt 2022

Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus, zu Jesus hin und sagten zu ihm: »Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst!«36»Was möchtet ihr denn?«, fragte Jesus. »Was soll ich für euch tun?« 37Sie sagten: »Wir möchten, dass du uns rechts und links neben dir sitzen lässt, wenn du deine Herrschaft angetreten hast.« 38Jesus sagte: »Ihr wisst nicht, was ihr da verlangt! Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke? Könnt ihr die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?« 39»Das können wir!«, sagten sie. Jesus erwiderte: »Ihr werdet tatsächlich den gleichen Kelch trinken wie ich und mit der Taufe getauft werden, die mir bevorsteht.40Aber ich verfüge nicht darüber, wer rechts und links neben mir sitzen wird. Auf diesen Plätzen werden die sitzen, die Gott dafür bestimmt hat.« 41Die anderen zehn hatten das Gespräch mit angehört und ärgerten sich über Jakobus und Johannes. 42Da rief Jesus alle zwölf zu sich her und sagte: »Ihr wisst: Die Herrscher der Völker, ihre Großen, unterdrücken ihre Leute und lassen sie ihre Macht spüren. 43Bei euch muss es anders sein! Wer von euch groß sein will, soll euer Diener sein,44und wer der Erste sein will, soll allen anderen Sklavendienste leisten.45Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für alle Menschen hinzugeben.«

Neid macht sich unter den Aposteln breit, nur schon weil zwei von ihnen um spezielle Ministerposten betteln. Der Trupp um Jesus war unterwegs nach Jerusalem. Johannes und Jakobus erwarteten selbstverständlich, wie sicher auch die anderen, dass Jesus nach dem Marsch auf die Hauptstadt, sich mit Wundertaten und mit Unterstützung des Volkes auf den Königsthron setzen werde, auf dem gerade ein Herodes thronte, Herodes Antipas. «Zu deiner Rechten und Linken sitzen»: Wer rechts und links vom Thron sass, bekleidete natürlich die höchsten Ehrenämter. Sie kämen gleich nach dem König. Man sollte also nicht meinen, die Zebedäus-Söhne wollten einfach beim Essen in der Nähe des Meisters sitzen. So wie mein lieber Nachbar gern sagt, wenn das Apero zu Ende geht und man sich die Plätze zum Essen sucht: «Darf ich neben dich cho hocken?» Johannes sass eh schon oft grad neben Jesus am Tisch. Nein, die Bitte der beiden war: Gelt, du gibst uns die besten Ministerposten? Da verstehen wir, dass die anderen Apostel fuchsteufelswild wurden. Das muss man niemandem erklären, mir wäre es genauso gegangen. «Wieso meinen jetzt diese beiden Streber, sie müssten sich vordrängen, «füre ellbögle»?! Eine Frechheit ist das!» Wenn man genau hinhört, hört man den Neid: Ich möchte auch den besten Ministerposten!

Es ist nicht schwer, in der Bibel weltbekannte Neid-Geschichten zu finden. Das Tor zum Garten Eden ist erst gerade zugeschlagen, und schon bringt die Bibel die erste Neidgeschichte: Kain und Abel. Und Sie wissen, die Zehn Gebote zielen auf das letzte Gebot, und das sagt gegen den Neid: «Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.» Nicht begehren, nicht gierig sein auf etwas, nicht glüsteln.

Ich war stark versucht, an dieser Stelle über die Influencer herzuziehen, über die sozialen Medien mit ihren Posts von glücklich lächelnden, Cüpli schlürfenden, gertenschlanken, gefotoshopten Bikinis am Strand. Diese Apps von Facebook bis Instagram leben davon, Neid zu generieren; Jalousie, Vergouscht, Eifersucht und in der Folge abgrundtiefe Minderwertigkeitsgefühle. Schlimm ist das für unsere Jungen. Aber Sie wissen das. «Führe mich nicht in Versuchung». Es ist halt das beste und bald einzige Vergnügen für alte Männer, über die Jugend abzulästern.

1. Was ist Neid? Eigentlich wissen wir es aus Erfahrung. Man vergleicht sich mit anderen und entdeckt selbstverständlich, dass andere es besser haben – mehr Glück, Erfolg, Lohn, mehr geerbt, mehr Ansehen (mein Kollege kommt ständig in der Zeitung, weil er Pfarrer ist und zugleich Atheist zu sein behauptet; und alle anderen, die Gläubigen, die Tag und Nacht ihren Dienst tun, die beachtet man so wenig wie das Bodetecheli vor der Tür), mehr Wertschätzung (wenn der hereinkommt, drehen alle den Gring; wenn ich etwas sage, hört das niemand), mehr Talent (Mozart-Salieri) usw. Wenn ich sehe, wie ein anderer deutlich mehr bekommt, etwas bekommt, was ich auch gernhätte, dann entsteht ein unangenehmes Gefühl, automatisch. So, wie wir automatisch die Nase zuhalten, wenn es stinkt, so spüren wir automatisch Neid, wenn man sich zurückgesetzt fühlt. Es ist ein unangenehmes Gefühl, wissenschaftlich gesehen sogar ein Gefühls-Cocktail aus Kränkung, Selbstabwertung, Ohnmacht, Trauer, Ärger, und eine Prise Hass. Nicht immer gleich viel von allem, die Mischung ist von Kanton zu Kanton verschieden und geheim wie das Appenzeller-Rezept. Manchmal entstehen heikle Wechselwirkungen zwischen diesen Gefühlen. Aber der ganze Komplex Neid ist die natürliche Reaktion einer gesunden Psyche. Der Neid selbst ist natürlich nicht gesund, sondern wirklich giftig. Weil Kain auf seinen Bruder neidisch wurde, schlug er ihn tot. Es ist nicht zu spassen. Wenn Neid unbehandelt wuchern kann in der Seele, kommt es zu Verletzungen. Entweder der Neider versucht, dem, der es besser hat, „zleidzuwerchen“, oder der Neid frisst dem Neider selbst ein Loch in die Seele und vergällt ihm das Leben. „Gelb vor Neid“ sagt man vielleicht, weil Neid auch an die Galle und die Leber geht.

2. Wer ist gefährdet, neidisch zu werden? Da habe ich eine gute Nachricht: Niemand ist gefährdet, jedenfalls niemand von uns anständig erzogenen Erwachsenen! In der Kindheit ist Neid schon eine Plage unter Geschwistern. Wehe, Kleinkevin bekommt ein grösseres Stück als Emma! In der Pubertät gibt es manchmal auch noch Neid. Da ist man eifersüchtig auf die tolle Biene, die sich der Freund zulegt oder auf die schlanke Taille, die sich die Freundin erhungert. Aber dann wird man endlich erwachsen. Unter Erwachsenen gibt es Neid nicht mehr.

Schauen Sie nicht so! Fragen Sie doch selbst in Ihrem persönlichen Umfeld: „Bist du neidisch auf den oder die?“ Alle sagen „Nein!, ich doch nicht!“ Dann können Sie eine interessante Studie machen, wie Erwachsenen ihre Neidgefühle (die sie natürlich alle haben) leugnen und kaschieren.

– Man macht sich lustig über das Thema: „Och, auch der kann nur eine Wurst aufs Mal essen!“

– Man wertet ab: „Jaja, wegen denen, die da im SUV und im Privatjet desumedüsen, verreckt das Klima! Ich will gar nicht wissen, wo der sein Geld her hat! Wenn ich bescheissen wollte wie die, käme ich auch am Fernsehen.“

– Man wünscht Unglück: „Auch der hat Hämorrhoiden oder Würmer! Wie viele Millionengewinner vom Lotto landen am Schluss auf der Gasse!“ Man spürt peinliche Freude, wenn dem anderen was misslingt. Schadenfreude ist das Zwillingsschwesterli vom Neid!

– Man stupst sich selbst zur Zufriedenheit, zur Dankbarkeit, wie der Rocksänger: „Alls das muess i nid ha! Alls das muess gar nid sy! Mein Glück habe ich in meiner Gitarre und meiner Musik.“ Ich bin zufrieden und dankbar mit meiner Rösti und meinem Rösli. Das ist natürlich sehr christlich und eine sympathische Art, Neid unter den Teppich zu kehren!

– Man holt sein altes Minderwertigkeitsgefühl hervor: „Hör, ich weiss, dass alle besser sind als ich. Ich musste schon früher viel mehr krampfen als meine Brüetsche. Ich weiss ja, dass niemand mich gern hat und alle wären wöhler, wenn ich gar nicht mehr da wäre.“ Dann putzt man die Nase und nimmt im Verschleikten einen Whisky.

Aber neidisch ist niemand, das ist meine ironische Antwort. Die Ernste spüren Sie zwischen den Zeilen: Alle sind neidisch, weil sie Menschen sind. Auch Schimpansen sind neidisch (wir haben praktisch die gleichen Gene wie die); nur vergessen sie es rascher wieder. Wir wollen Neid nicht wahrhaben. Erwachsene verleugnen auch sonst gern Gefühle, aber negativ besetzte Gefühle wie Neid lässt man nicht ans Licht kommen. Man geniert und schämt sich, wenn man einem ansehen würde, dass man neidisch ist.

Dabei ist die Bibel voll von Neidgeschichten! Ein ganz Frommer betet: „Ich war neidisch auf die Angeber, als ich sah, wie gut es den Frevlern ging, ihr Leib ist gesund und wohlgenährt. Aus ihren Augen grinst der Wohlstand hervor. Sie tragen ihren Hochmut wie eine Halskette. Schaut nur: So leben die Frevler! Alle Zeit frei von Sorgen und ihr Vermögen vermehrt sich.» Aus Psalm 73. Ich glaube, wir sollten als erstes von der Bibel lernen: Wir sind keine Ausnahme! Es gibt Neid in unserer Tiefe, auch wenn wir uns dafür schämen. Wer behauptet, keinen Neid zu kennen, kennt sich selbst nicht, oder ist nicht ehrlich oder hat nicht alle Knöpfe am Radio. Ein normal gesunder Mensch empfindet Neid.

3. Was sagt Jesus dazu?

Jesus packt seine beiden Möchtegern-Minister erstaunlich sanft an. Johannes war halt sein Lieblingsjünger. Er sagt: Realisiert ihr, was für Leiden auf jene wartet, die im Reich Gottes einen Ehrenplatz haben? Könnt ihr solches Leiden tragen, diesen Kelch trinken, in diese Taufe steigen? Die zwei haben erstaunlich wenig Selbstzweifel, ein fast arrogantes Selbstvertrauen: «Jawoll, das können wir,» wohl ohne zu begreifen, was Jesus andeutet. Jesus sagt nur: Ja, ihr werdet den Kelch tatsächlich trinken; Verfolgung und Martyrium. Aber ob es reicht für einen Ehrenplatz, entscheidet Gott.

Dann aber wendet er sich an die neidischen zehn anderen. Es ist ihm wichtig, ihnen zu helfen. Er weiss, was Neid anrichten kann in einer Gemeinde!

«Ihr wisst: Die Herrscher der Völker unterdrücken ihre Leute und lassen sie ihre Macht spüren. Bei euch muss es anders sein! Wer von euch groß sein will, soll euer Diener sein,und wer der Erste sein will, soll allen Sklavendienste leisten.Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für alle hinzugeben.»

Die Apostel vergleichen sich mit den beiden Möchtegern-Ministern. Wieso die und nicht ich? Neid entsteht nur, wenn man vergleicht. Das wissen wir doch eigentlich? Ja, wir sollten aufhören mit dem verflixten Vergleichen. Warum vergleiche ich mich immer mit anderen?! Und natürlich vergleiche ich immer nach oben, mit denen, die mehr haben. Wenn ich wenigstens lernen würde, nach unten zu vergleichen. Dann müsste ich Gott loben und danken, dass ich nicht auf der Intensiv liege wie Onkel Hermann, dass ich nicht anstehen muss für Trinkwasser wie in Kenia. Gewiss, das ist eine gute Erkenntnis: Nicht vergleichen. Aber Jesus sagt davon nichts. Warum nicht? Ich habe eine Vermutung.

Jesus weiss, wie wenig die Gebote vom Sinai, «du sollst nicht, du sollst nicht…» Erfolg hatten. Das wissen auch Sie! Es nützt nie viel, sich einzureden: Ich sollte mich nicht ärgern, ich sollte mich nicht aufregen, ich sollte mich nicht überfordern, ich sollte nicht vergleichen. Dieses «Nicht» ist etwas, das es in unserer Seele gar nicht gibt. Negativsätze sind für die Psyche unverständlich, so wie eine mathematische Vektorgleichung für mich. «Tue nicht!» hat noch nie genützt. Man muss der Seele etwas Positives geben, etwas, was sie tun kann, anstelle von etwas Negativem, anstelle von Vergleichen. Man muss ihr positive Ersatzaktivität geben, um Negatives zu ersetzen. Das macht Jesus hier, haben Sies gemerkt? Ihr vergleicht euch mit Johannes und Jakobus, ihr ärgert euch, dass sie einen höheren Status, höheres Ansehen anstreben, dass sie mehr sein wollen als ihr. «Bei euch muss es anders sein! Wer von euch groß sein will, soll euer Diener sein.» Jesus lenkt die Seele weg vom Status: Wichtig ist nicht euer Status, wichtig ist, dass ihr dient. Wichtig ist nicht, was ihr habt, sondern was ihr tut. Nicht etwas sein wollen, sondern dienen. Euer Kummer soll sein, dass ihr dient mit den Gaben, die Gott euch gibt. Was für einen Platz ihr bekommt, müsst ihr Gott überlassen. Eure Sorge muss sein: wie kann ich den anderen dienen. Ihr wollt natürlich die ersten sein und zuoberst sitzen, klar. Schaut darum, dass ihr einander dient, dass ihr einander zuliebe lebt. Sobald ihr eure Aufmerksamkeit auf das Dienen lenkt, hat der Neid euch nicht mehr im Griff. Damit verrät er noch ein Geheimnis: Wer freiwillig, aus eigenem Antrieb, sich nicht für zu gut hält, das Knechtli zu machen für andere, steigt früher oder später auf, das Leiterlispiel hinauf. Der macht oft sogar in der Welt Karriere. Aber Psst, geheim!

Was sagt also Jesus zum Neid? Wenn Neid aufsteigt in dir, dann nimm’s wahr und gib’s zu, vor dir selbst. Und dann geh und putz einem andern die Schuhe! «Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für alle Menschen hinzugeben.»

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