«Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.» (Psalm 103) «Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott!» (42) «Sei nur stille zu Gott, meine Seele, denn er ist meine Hoffnung.» (62)
Täglich brauchen wir selbstverständlich ein kleines Wort, vielleicht ist es sogar euer häufigstes? «Ich». Wissen wir auch, wer das ist, «ich»? Wir meinen, «ich» sei 1. Person Einzahl. Aber wer auch nur den «Blick» liest, vielleicht noch die «Schweizer Familie», hat schon mal gelesen: Das «Ich» ist Mehrzahl. Wir sind 1. Bewusstsein, 2. Unterbewusstsein, 3. Körper. Oder wir sind Erwachsenen-Ich, Eltern-Ich und Kind-Ich, sagt die Transaktionsanalyse. Kennt ihr den Buchtitel: «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?» (Richard D. Precht). «Ich» ist kein Singlehaushalt, sondern eine ganze WG.
Nun will ich es nicht so kompliziert machen, wie es vermutlich ist. Bleiben wir für heute bei nur zwei Mitbewohnern: Ich und meine Seele. Das ist schon doppelt so viel, wie die Materialisten meinen. Sie meinen ja, der Mensch sei nur Materie, nur Körper. Was man gemeinhin Geist und Seele nenne, bezeicne nur Abfallprodukte der Körperchemie. Bei denen ist das vielleicht so? Es ist gut menschlich, an allem zu zweifeln, was man nicht sieht oder riecht. Wir zweifeln ja auch an Gott. Wenn jemand unter uns glaubt, die Seele sei nur eine Erfindung frommer Pfaffen, hat er Pech. Denn mein Thema heute ist: Wir sollten mehr mit unserer Seele reden.
Die Ich-WG findet man schon in der Bibel. Ihr habt es vielleicht überhört. «Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?» Da spricht einer mit seiner Seele! «Lobe den Herrn, meine Seele, was in mir ist, seinen heiligen Namen! Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.» Wer lobt jetzt den Herrn, «ich» «meine Seele» «was in mir ist», sicher auch «Zung’ und Lippen», «Herz und Mund»? Die ganze WG halt.
In einer WG gibt es manchmal ein Mauerblümchen, jemand, der nie was sagt, den man leicht vergisst und übergeht: Bei uns ist das die Seele, die Psyche. Man redet vom «Unterbewussten»: Die Seele ist mir nicht bewusst. Mit ihr rechnet man nicht, man hat sie nicht im Auge. Sie schwatzt auch nicht mit Alltags-Glafer, weil ihr Sprache nicht geläufig ist.
Ich könnte nun bis zum Mittag predigen, wie lebenswichtig die Seele ist. Unglaublich viel in unserem Leben wird aus dem Unbewussten gesteuert. Denken wir nur an Atmung, Herzschlag, Blutdruck, Verdauung. All das funktioniert, ohne dass wir darüber nachdenken müssten. Wer hat es nicht schon erlebt, dass «Ich» hüst will und «meine Seele» hott. Wenn die Seele erschöpft ist und nicht mehr mag, wir der Mensch aufs Mal ängstlich, unsicher, fühlt sich leer, hat keine Kraft. Auch wenn der Kopf genau wüsste, was da zu tun wäre: Der Mensch hat keine Kraft mehr dafür. Gute Freundschaft zwischen mir und meiner Seele ist also matchentscheidend. Darum fällt mir auf, wie der Psalmbeter mit seiner Seele redet: «Was betrübst du dich, meine Seele, und bist banger Unruh voll?» Warum bist du so nervös? Hast du Angst? Da kümmert sich einer um seine Seele und fragt nach. Kümmert ihr euch auch um eure Seele? Ich fürchte, der moderne Mensch weiss nicht mehr, was in seinem Innern los ist. Er nimmt sich die Zeit nicht, um zu fragen: «Was betrübst du dich, meine Seele, und bist banger Unruh voll?», er nimmt sich erst recht nicht Zeit, zum Spüren und Fühlen, was die Seele mitteilt.
Warum ist das so? Ja, der Herrgott hat uns keinen Stecker eingebaut, kein Ladegerät. Wir kommen ohne Handy auf die Welt, auch wenn das bald keiner mehr glaubt. Die heutige Welt beschäftigt unser Ich pausenlos mit überflüssigem Mist und unsere Seele fühlt sich mutterseelenallein gelassen.
Ich möchte euch zwei Bilder, Gleichnisse, mitgeben. Meine Seele ist wie ein zweijähriges Kind in mir. Ich bin seine Mutter. Und: Meine Seele ist wie ein Ross, ich bin sein Reiter.
Zuerst das Kind. Ich trage in mir eine Seele wie einen zweijährigen Stünggi, der erst grad anfängt zu reden. So ist es, die Seele kann nicht reden wie der Verstand, wie das bewusste Ich. Die Seele redet nachts mit Traumbildern, am Tag mit Gefühlen. Das ist ihre Sprache. Ich schmunzle über Mamis, die Zweijährigen ausführlich erklären, warum es keine Gummibärli gebe. Bahnhof versteht der Kleine, aber er hört den Tonfall, sieht die Mimik der Mama. Und begreift so erstaunlich viel. Auch wir können mit der Sprache des Verstandes unserem Unbewussten wenig erklären. Aber es erfasst viel intuitiv. Die Seele spürt, wie jemand mit ihr spricht, wie die Stimmung ist, ob es stimmt oder nicht.
Seit Jahrzehnten gibt es das Konzept vom «inneren Kind». In uns lebt noch immer das Kind, das wir einmal waren. Dieses innere Kind lebt unsere grossen Gefühle, lacht herzhaft, briegget todtraurig, ist hässig und sucht Streit. Gefühle sind das Fach unseres inneren Kindes. Ja, und wie oft schliessen wir das innere Kind in den Keller, weil wir seine Gefühle fürchten? Vielleicht sei ihr hässig auf diesen Pfarrer da vorn. Aber wer steht auf und sagt ihm wüst!? Niemand, man ist doch ein anständiger Mensch! Man grinst sauer und verbannt die Wut in den Keller. Dort unten ist das Kind immer noch hässig, jetzt auf den Pfarrer und auch auf uns. Wenn wir die Seele mit ihren Gefühlen zu oft im Keller einschliessen, weiss sich der Kleine schon zu wehren. Wart nur, ich sage es dem Körper: «Sag du ihm mal, wie es uns geht. Auf mich hört er ja eh nie. Dann krampft plötzlich der Magen, Zähne knirschen und man dreht sich schlaflos im Bett wie die Tür in der Angel. Jetzt muss man fragen: «Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?»
Eltern sollen ihren Stünggi zu einem anständigen Menschen erziehen. Auch wir haben einen Erziehungsauftrag für unser Seelenkind: Wir sollen es zum Glauben erziehen, zum Gottvertrauen. Gottvertrauen ist nämlich ebenfalls das Fachgebiet der Seele; denn Vertrauen ist zur Hauptsache Gefühl. «Glaube, Hoffnung, Liebe», die drei Säulen des Christenglaubens, sind Funktionen der Seele. Ohne die Gefühle unserer tiefen Mitte, ohne die Seele wäre alles, was der Kopf anstellt, nur «tönendes Erz und klingende Schelle». Wir sollen also als Mutter/Vater der Seele mithelfen, das innere Kind zum Gottvertrauen zu führen. Genau das hört man doch im Psalm: «Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.» Der Grosse soll das innere Kleine zum Gottvertrauen führen.
Wie macht man das, wenn doch die Seele Sprache kaum versteht? Wie einem Kind muss man der Seele alles tausendmal sagen. Die Seele hat gern Wiederholungen, immer wieder das Gleiche, wie das Kind. Der Grossatt möchte mal ein anderes Märchen erzählen, aber der Kleine will Abend für Abend «Hänsel und Gretel» mit genau den gleichen Worten wie gestern. Auch meine Seele braucht immer das Gleiche. (Darum sollte man in der Kirche nicht so viel neue Lieder singen).
So sollen wir der Seele unzählige Male vorsprechen: Gott ist gut, «gnädig und barmherzig», «fürchte dich nicht, vertraue nur». Sie versteht wenig, aber sie hört an unserer Stimme, wie die Stimmung ist: Aha, Mama hat das Gefühl, es komme schon gut. Da kann ich abspannen und einschlafen.
Unvernünftig wie ein Kind ist auch die Seele. Ihr kennt das: Plötzlich macht das Kleine ein Mordsgeschrei. «Was hat es denn jetzt wieder?» Man stopft einen Nuggi, man buttelet, schüttelt, füttert Weggli. Nichts nützt. Bei der Seele ähnlich: Sie hat Angst vor einer Spinne, vor dem Zahnarzt, vor einem Herzinfarkt, hat Angst vor dem Sterben und hat doch nur Halsweh.
Wie kann man da helfen? Der Kopf kann eben nicht helfen, aber etwas kann er, und das ist wichtiger: Wir können unsere Seele achten. Achten heisst anschauen, hinschauen, wahrnehmen. «Wie geht es dir?» Die Seele will gar nicht Hilfe, Ratschläge, Besserwisserei. Sie will wahrgenommen werden. «Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?» Es gibt welche, die kramen ein altes Foto von sich als kleinen Stünggi hervor und stellen es auf. Es erinnert sie, immer mal mit ihrem inneren Kind Kontakt aufzunehmen.
Mein zweites Bild für die Seele ist das Ross. Warum? Das Bild vom inneren Kind kann die Seele verniedlichen, verharmlosen. Aber man darf die Seele nicht auf den Arm nehmen! Umgekehrt ist es: Die Seele trägt mich. Wie ein Reitross. Mein dünnes Denken braucht eine starke Seele als Reittier. Nur mit Denken kommt kein Mensch ans Ziel. Die Seele muss uns willig tragen. Wir müssen also auskommen miteinander. Sonst brennt sie plötzlich durch und wirft mich ab. Ich habe es erlebt. Auf einem Ausritt im Jura ging aufs Mal die ganze Reiterei durch. Im Garacho galoppierte mein Gaul auf eine Juratanne zu, mit den tiefhängenden Ästen. Nur wenig fehlte und die Tanne hätte mich vom Ross geputzt. Also Respekt: Die Seele trägt mich. Sie kann mich abwerfen, ich sie nicht.
Und natürlich: Wer reitet, muss sich der Gangart seines Reittiers anpassen: Schritt, Trab, Galopp. Macht mein Ross Trab, ich aber halte mich wie im Schritt, gibt das einen kuriosen Ritt. Der Verstand muss lernen, sich der Seele anzupassen; in Resonanz zu gehen. Wie alt muss man werden, um zu merken: Willen und Verstand kommen nirgends hin, wenn die Seele nicht will?
Paradox: Einerseits muss ich mitschwingen mit der Gangart des Rosses, mich anpassen. Andererseits: Ich bin der Chef! Der Reiter bestimmt das Ziel, nicht das Ross. Und das Ziel ist: Zusammen wollen wir zum Gottvertrauen kommen. Das braucht lange Jahr liebevolle Erziehung, wie mit einem unvernünftigen Kind. Es braucht Geduld, Einfühlung und Bestimmtheit, wie bei einem Reittier. Es könnte ja ein störrischer Esel sein.
Das Wichtigste ist, dass wir die Seele wahrnehmen, ernst nehmen: Du trägst mich, wir brauchen einander. Wie geht es dir jetzt, liebes Eselein? Fragt jeden Tag: «Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?» Spürst du dann, sie ist enttäuscht, traurig, nervös, hat Angst, dann musst du erst mal Ja sagen zu diesen Gefühlen, gerade zu den unguten. Die Seele will ernst genommen sein. Dann ist sie oft schon zufrieden und die Stimmung wird wieder heiter.
Dann aber haben wir der Seele auch etwas zu sagen: «Vergiss nicht Gott, was er dir Gutes getan! Lobe den Herrn, meine Seele! Harre auf Gott, wir werden ihm noch danken.» So müpfen wir sanft und geduldig die Seele auf Gott hin: Denk an den, der uns das Leben gibt, «der dich erhält, wie es dir selber gefällt», «der durch Jesus Christus dir all deine Schuld vergibt und deine Gebrechen heilt.» Gelingt es, findet vielleicht schliesslich das Ross den Heimweg ganz von alleine, sogar wenn der Reiter obendrauf nicht mehr mag.